WiSe 17/18: Die Kulturinstitution Museum als Berufsfeld

Das Seminar fand im Wintersemester 2017/18 an der Freien Universität Berlin  statt.

Seminarankündigung

Museen, Gedenkstätten und andere ausstellende Institutionen bieten für Geisteswissenschaftler/innen ein attraktives Berufsfeld, denn hier kann in vielfältigen Arbeitsbereichen das im Studium erworbene Wissen praxisnah eingesetzt werden.

Während des Seminars werden ausgewählte museale Arbeitsbereiche, deren spezifische Herausforderungen und Produktionsprozesse vorgestellt. Darüber hinaus wird zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Ausstellungen als Zeugnissen und Abbildern gesellschaftlicher Wirklichkeiten angeregt.

Anhand von Exkursionen an ausgewählte historische sowie kultur- und regionalgeschichtliche Berliner Museen sowie im Rahmen von Gesprächen mit Museumsfachleuten erhalten die Teilnehmer Einblicke in ausgewählte Arbeitsbereiche des Berufsfelds „Museum“. Die Exkursionen werden in den Folgeterminen gemeinsam ausgewertet und dienen als Grundlage für die Projektarbeiten. Abschließend entwickeln die Teilnehmer in Projektgruppen eigene, arbeitspraktisch ausgerichtete Konzepte, die gemeinsam diskutiert und abschließend überarbeitet werden.


Seminardokumentation

Im Folgenden die Berichte der Studierenden zum Seminarverlauf, zu Museumsbesuchen und zu den Fachgesprächen:

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Exkursion: Schwules Museum

Die Freie Exkursion führte in das Schwule Museum. Wolfgang Theis, Kurator und Mitbegründer der Museums, ermöglichte im Rahmen eines sehr informativen und kurzweiligen Rundgangs Einblicke in die Geschichte, Visionen und Strukturen des Museums sowie in gegenwärtige und zukünftige Ausstellungsvorhaben. Das Schwule Museum bietet neben der Dauerausstellung auch regelmäßig vielfältige Sonderausstellungen. Im Folgenden einige fotografische Impressionen vom Museumsbesuch:

 


Exkursionsbericht: Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen ist im Filmhaus am Potsdamer Platz untergebracht und damit sehr zentral gelegen. Sowohl von außen als auch von innen fällt die moderne Architektur auf: Transparenz schaffende Glasfassaden zur Straße und Richtung Innenhof des Sony Centers sowie die Verwendung von Stahlgittern in Foyer und Treppenhaus, lassen das gesamte Haus offen und hell wirken. Über insgesamt sieben Etagen finden im Haus das Kino Arsenal, das Museum selbst mit Ständiger Ausstellung, wechselnden Sonderausstellungen, einer Bibliothek und den Archiven der Deutschen Kinemathek sowie die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin ihren Platz und ergänzen sich thematisch perfekt.

Als verbindendes Element fällt das Corporate Design auf, dass sich durch das gesamte Filmhaus zieht – es wird viel mit der Farbe Rot gearbeitet, sowohl bei den Hinweisschildern als auch architektonisch und einrichtungstechnisch (Etagenkennzeichnungen, Informationscounter, Banner, Werbemittel wie Flyer und Broschüren).

Unser Besuch begann mit einem kurzen Gang durch die chronologisch aufgebaute Ständige Ausstellung, in der es um die Medien Film und Fernsehen von den Anfängen bis in die Gegenwart geht. Außerdem bietet sie Einblicke in die Welt der Filmschaffenden zu denen zum Beispiel Schauspieler (und der sich gesellschaftlich entwickelnde Kult um ihre Personen), Regisseure und Filmausstatter gehören. Besonders auffällig ist auch in den Ausstellungsräumen die besondere Architektur bzw. Gestaltung (Spiegelsaal) und das Zusammenspiel verschiedener Eindrücke wie Formen, Licht und akustischer Untermalung (zum Beispiel ist das Rattern eines alten Filmprojektors zu hören). Eine besondere Station in der Ausstellung ist die Mediathek Fernsehen, in der es dem Besucher möglich gemacht wird, eine Auswahl an Sendungen der letzten 70 Jahre in voller Länge anzuschauen.

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Unser danach stattfindendes Gespräch mit Sandra Hollmann (Leiterin der Abteilung Kommunikation) statt. Frau Hollmann erzählte uns von ihrem Arbeitsalltag in der Abteilung Kommunikation, die sich um die Einzelbereiche Publikationen, Bildung und Vermittlung, PR, Marketing und Online kümmert, wobei die drei letztgenannten besonders ineinander greifen. Bei der PR geht es zum einen darum, generelle Inhalte für das Haus und die ständige Ausstellung zu formulieren und kommunizieren, zum andern aber auch darum Kampagnen-Konzepte für spezielle Ausstellungen auszuarbeiten. Ganz allgemein gibt es im Bereich Marketing nur begrenzte Möglichkeit, da Druckerzeugnisse wie Flyer und Werbekampagnen teuer sind. Als digitale Kommunikations-Kanäle nutzt die Deutsche Kinemathek Facebook, Twitter und einen E-Mail-Newsletter, der monatlich verschickt wird und auf Ausstellungen und Veranstaltungen hinweist. Twitter wird im Unterschied zum Newsletter eher dahingehend genutzt, um die Branche abzubilden und darüber zu berichten, was aktuell in der Fernsehwelt passiert und um sich zu vernetzen. Das bildlastige Medium Instagram wird trotz der thematischen Nähe zum Thema Bild und Bewegtbild nicht genutzt, da es bildrechtliche Schwierigkeiten gibt.

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Natürlich hat die Deutsche Kinemathek auch eine Website, die bald zeitgemäß überarbeitet und mit neuen Funktionen versehen wird. Sandra Hollmann berichtete uns, dass der Relaunch gerade stattfindet und die neue Webpräsenz Ende 2018 online gehen soll. Dabei ist es ihr besonders wichtig, dass die Website Nutzer-konzentriert ist, also das der Besucher schon online ins Museum geholt wird. Außerdem sollen alle Serviceleistungen abgebildet, das Online-Ticketing angeboten werden und die Website generell als verbindendes Medium aller verwendeten Kanäle dienen. Zusätzlich soll eine inhaltliche Überarbeitung der Texte stattfinden, die momentan eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vision des Hauses mit sich bringt. Dazu gehört, dass grundlegende Fragen gestellt werden wie “Wer ist die Deutsche Kinemathek? Was will sie und wer soll erreicht werden?”.

In der täglichen Arbeit setzt Abteilung Kommunikation zudem stark auf Kooperationsmarketing. Bisherige Partner waren der Fernsehsender arte, die Yorck Kinogruppe, Visit Berlin, Radio Eins, RBB Kultur, Dussmann und die Berlinale. Letztere bietet sich nicht nur thematisch, sondern auch örtlich an. Eine inhaltliche Zusammenarbeit findet jedes Jahr im Rahmen der der Festival-Sektionen “Retrospektive” und “Hommage” statt, wobei die Deutsche Kinemathek hier die Filmauswahl kuratiert, Gäste einlädt und betreut etc. Diese und andere Kooperationen sind wichtig inhaltlich und ökonomisch sehr wichtig für das Haus.

Abschließend ermöglichte Sandra Hollmann uns noch einen Blick in die Zukunft des Museums, da in ein paar Jahren eventuell ein Ortswechsel stattfindet. Die Fläche neben dem Martin Gropius Bau steht zur Debatte und mit dem Umzug in einen Neubau ergeben sich neue Möglichkeiten was die Ausstellungsfläche sowie ihre Konzeption angeht….aber ebenso neue Kommunikationsstrategien. Ob der Umzug jedoch stattfindet, ist wie vieles andere im Museumsalltag von politischen Entscheidungen abhängig.

Lisa Sarah Schwiesselmann


Exkursionsbericht: Jugendmuseum Schöneberg

Am Freitag, den 8. Dezember begaben wir uns ins Jugendmuseum Schöneberg. Es gab einen herzlichen, warmen Empfang von der Leiterin des Museums, Ellen Rotaers und dem pädagogischen Mitarbeiter Florian Wieler. Bei Kaffee und Plätzchen stiegen wir Ausstellungsbereich inhaltlich in den Austausch ein. Das Jugendmuseum ist seit zwanzig Jahren Teil des Regional-Museums Tempelhof-Schöneberg und besitzt eine breites inhaltliches Spektrum. Die kulturelle Vielfalt steht im Zentrum der Ausstellungen und neben Recherchen zur Migrationsgeschichte gibt es auch Modellprojekte zur sexuell-geschlechtlich relevanten Themen.

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Die Museen haben sich zusammen gegen Fremdenfeindlichkeit gestellt, und das Ziel ist es nun immer noch, die historischen Mittel für die Erklärung von heute auftretender rassistischer Gewalt zu verwenden, und mit der Jugend und für die Jugend Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Die Kinder werden dabei aktiv in den „Erkenntnispool“ mit eingebunden, die Schwerpunkte auf von ihnen als relevant empfundene Themenbereiche gelegt und die Recherche findet gemeinsam statt. Die Art und Weise, wie Kinder sich mit Ausstellung, Recherche und Museumswesen befassen, spiegelt sich auch in den Ausstellungsräumen selber wieder. So kann man beispielsweise in Filmen sehen, wie Kinder agieren, welche ihre persönlichen Eindrücke sind. Es wird ihnen eine Plattform geboten, auf der sie das Wort erteilt bekommen und ihnen Gehör verschafft wird.

Auch bei den Projekten, die mit Schulklassen durchgeführt werden, ist das für sie reservierte Zeitfenster groß genug, um nicht nur der Rezeption, sondern auch der eigenen Auseinandersetzung sowie der kreativen Gestaltung Raum zu bieten.

Zur Zeit laufen vier Ausstellungen im Museum. Die „Wunderkammern und Wunderkisten“, in denen es um die haptische Erfahrung der Geschichte und der Art und Weise, wie Museen Erinnerungen und die damit verbundenen Sammlungen und Aufbewahrungen handhaben, geht, sind an das Konzept der Wunderkammern der Spätrenaissance geknüpft. In 27 Kisten findet man thematisch aneinanderhängende, originale Objekte, die größtenteils zugänglich und anfassbar sind, und eine große Kraft, eben durch ihre Echtheit, ausstrahlen. Bei einigen Objekten wird eine an das Objekt gebundene Geschichte erzählt, die meisten werden zur Illustration von Geschichte allgemeiner eingesetzt. Bewundernswert bei der Ausstellung ist die Mündigkeit und das Vertrauen, die man den Besucher beim Erfahren der Objekte zuspricht. Offensichtlich geht es eher um die Erfahrbarkeit und die damit verbundene authentische Geschichtsvermittlung, als den potentiellen Schaden, der den Objekten bei ihrem Anfassen zugefügt werden könnte.

Ein frei zugängliches Archiv ermöglicht es den Kindern, einige von den in den Wunderkisten präsentierten Themen zu vertiefen und sich als „Wissenschaftler“ auf die eigene Suche zu begeben. Die Gestaltungsidee der Räume ist dabei immer so konzipiert, dass es überall etwas gibt, was die Kinder entdecken und worüber sie sich wundern können.

Eine zweite Ausstellung ist die der „Villa Global“, bei der auf der gesamten oberen Etage durch Trennwände 17 Miniaturwohnungen geschaffen wurden, die jeweils von einer in Schöneberg ansässigen Person eingerichtet wurde. In Workshops können die Kinder sich in der Rolle eines Journalisten durch die Räumlichkeiten bewegen, fragmentarisch über die (nicht systematisch dargestellte) Biographie dieser Personen „ermitteln“ und so der kulturellen Vielfalt des eigenen Bezirks näher zu kommen.

Weitere Projekte des Jugendmuseums ist die „All included“-Ausstellung, die sich für die Wertschätzung vielfältiger sexueller Orientierungen einsetzt, ergänzt durch das Projekt „all included mobil“. Hierbei geht es darum, das Museum „im Koffer“ in die Schulen zu bringen und einen Teil der Ausstellung dort zu präsentieren. Selbstständige Pädagogen, Historiker und Kulturmanager widmen sich dieser Art der Vermittlung im Dreierteam. Um das Gefühl eines Museumsbesuches zu wahren und dem Ausstellungscharachter treu zu bleiben, befinden sich einige Objekte unter Plexiglas. Andere Objekte wiederum dürfen nur mit Handschuhen oder einer Lupe angefasst bzw. betrachtet werden.

Das Museum wird vom Bezirk getragen. Vom Bundesministerium werden die sogenannten Modellprojekte gefördert. Ein neuer Förderer des Museums ist das QM (Quartiersmanagement) Berlin, welches sich in sozialräumlichen Gebieten, die gefördert werden sollen, engagiert. Durch diese Förderungen ist das Museum kostenfrei für die Schulen. Es wird kein Eintritt verlangt sondern lediglich um eine Spende von 1,50 Euro gebeten, welche in der Regel für die Verpflegung der Schüler verwendet wird.

Bei der Konzeption der einzelnen Ausstellungen, die oft von Beginn an an die Schulen gebunden sind, wird stark auf die Verzahnung zwischen Ausstellungswesen und pädagogischem Anspruch geachtet. Bei der Vermittlung geht es nicht um eine komprimierte Frontalmonologisierung, und im Gegenteil zu anderen großen Museen besteht kein wissenschaftlicher Anspruch bei der Vermittlung von Geschichte. Es geht nicht darum, der „verlängerte Arm der Schule“ zu sein und sich dementsprechend auch von der teilweise erwünschten Bindung an die schulischen Lehrpläne zu lösen.

Elena Nustrini, Jeanne Schütze


Exkursionsbericht: Museum Neukölln

Das Museum Neukölln befindet sich auf dem Gutshof Britz und erscheint auf den ersten Blick sehr rustikal. Das Innere überzeugt jedoch mit einer modernen Einrichtung und einem einzigartigen multimedialen Präsentationskonzept. Die ständige Ausstellung des Museums trägt den Titel „99x Neukölln“. Im Zentrum der Ausstellung stehen 99 Objekte aus der Sammlung des Museums, die als dingliche Zeitzeugen fungieren, um grundlegende Aspekte der Geschichte des Bezirks Neukölln zu erfassen. Anders als beispielsweise im Deutsch Historischen Museum, gibt es im Museum Neukölln für den Besucher keine vorgegebene Richtung. Die Ausstellungsstücke in den Vitrinen sind zufällig zusammengestellt und besitzen keinen inneren Zusammenhang oder eine Verbindung, außer den Bezirk Neukölln als gemeinsamen Ursprungsort. Die Objekte sind sehr unterschiedlich und vielfältig. Vor Ort findet man beispielsweise einen Grabstein, Puppen, einen Koffer oder auch ein Schachbrett. Ziel des Aufbaus ist es, den Besuchern die Möglichkeit zu geben, das Museum anhand persönlicher, besucherspezifischer Interessen zu erforschen. Das Museum bietet so jedem Besucher die Möglichkeit einem individuellen Interessenpfad zu folgen.

Die 99 Ausstellungsstücke bieten den Vorteil, dass das Museum nicht überladen wirkt und man bei Interesse jedes der Objekte einzeln betrachten und sich darüber informieren kann (Gegenbeispiel DHM mit 7000 Ausstellungsstücken). Zudem gibt es keine expliziten Highlight Objekte die bewusst die Aufmerksamkeit auf sich lenken, so dass der Besucher seine eigenen individuellen Highlight Objekte bestimmen kann.

Das Museum Neukölln verzichtet komplett auf die Textebene. Keines der Ausstellungsstücke besitzt eine Beschreibung oder einen Titel innerhalb der Vitrine. Stattdessen nutzt das Museum die Form der medialen Vermittlung. Konzeptionell erhalten die Besucher zu den 99 Ausstellungsstücken erst dann Informationen, wenn sie ein Objekt auf eines der Computerterminals auswählen. Dort erhalten Sie umfassende Informationen zu den einzelnen Objekten und ihrem jeweiligen sozial- und kulturgeschichtlichen Kontext. Von einer kleinen Vorstellung des Objekts, über die Geschichte und dem Fundort, den Gründen für den Platz im Museum Neukölln, bis hin zu Fotografien, Filmen und Tondokumenten sowie persönlichen Erzählungen, die mit den Objekten in Verbindung stehen. Dabei gibt es bei den einzelnen Objekten die Möglichkeit in den Computerterminals Funktionen, wie das Wissensnetz, das Superwissensnetz und die Story, als weitere Informationsgeber zu nutzen. Wenn einem das noch nicht genügen sollte wird man eingeladen seiner Neugier im Geschichtsspeicher noch weiter nachzugehen und dort nach weiteren Informationen zu suchen. Die Informationen sind auf Deutsch und Englisch für die Besucher zugänglich. Zudem gibt es eine Easyfunktion, welche besonders für Kinder geeignet ist.

Im Anschluss an den Museumsbesuch erhielten wir die Möglichkeit, mit dem Museumsleiter Dr. Udo Gößwald zu sprechen. Als Heimatmuseum ist es dem Museumsleiter besonders wichtig, die Orts- und Regionalgeschichte Neuköllns darzustellen und einen engen Austausch mit den Menschen und den dadurch sehr persönlichen Aspekt des Museums zu fördern und zu erhalten. Er erzählte uns von den Herausforderungen, vor denen das Museum Neukölln tagtäglich steht und wie diese Aufgaben von einem kleinen Team an Mitarbeitern bewältigt werden. Anders als beispielsweise im Deutsch Historischen Museum, besitzt das Museum Neukölln die Freiheit ,selbstständig über ihre Exponate und ihre kommenden Ausstellungen zu entscheiden, trotz ihrer engen Verbindung zum Bezirk Neukölln und deren Verwaltung. Zudem erfuhren wir, wie einzigartig das Museum Neukölln durch die mehrdimensionale Form der Wissensvermittlung anhand einzelner Objekte ist, da dies sonst in keinem bundesdeutschen Museum zu finden ist.
Zusammenfassend war der Museumsbesuch im Museum Neukölln eine besondere Erfahrung, da die Ausstellungsform sehr interaktiv ist. Der Besucher wird hier animiert, seinen persönlichen Interessen zu folgen und sich aktiv zu informieren. Es war ein erfrischendes Erlebnis, sich in einem Museum zu bewegen, bei der kein Weg vorgegeben ist, sondern ausschließlich durch die Exponate animiert wird, einen Weg durch die Ausstellung zu finden. So findet jeder seinen eigenen Weg und erlebt das Museum auf seine eigene Art und Weise. Gekoppelt mit der medialen Seite des Museums schafft es eine sehr attraktive Art das Wissen über den Bezirk zu teilen und ist dadurch ansprechend für jede Generation, ob jung oder alt.

Thabea Lintzmeyer und Robin Kurschatke

 


Exkursionsbericht: Deutsches Historisches Museum

Im Rahmen des ABV Kurses Die Kulturinstitution Museum als Berufsfeld besuchten wir am 27.10.2017 das Deutsche Historische Museum. Der Museumsbesuch hat mit einer Unterhaltung mit Frau Vogel, der Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung des Museums, begonnen. Diese informierte uns über einige grundsätzliche Abläufe des Museumsbetriebes. Unter anderem gab sie uns einen Einblick in den Aufbau oder die Problematiken, denen sich ein Haus wie das Deutsch Historischen Museum vor allem aufgrund der Größe auseinandersetzen muss.

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Zum Zeitpunkt des Besuchs befanden sich eine Dauerausstellung sowie drei Wechselausstellungen im Haus. Diese werden unter unterschiedlichen Gesichtspunkten und Kriterien aufgebaut, unter anderem ist die Frage nach bestmöglicher Vermittlung des Inhalts, besonders angepasst an verschiedene persönliche Gegebenheiten oder Einschränkungen der Besucher, dabei sehr relevant. Die Informationsaufnahme kann dabei durch Säulen als Leitpunkte, schriftliche- sowie graphische Notizen und Audioguides in verschiedenen Sprachen vereinfacht werden. Hinzu kommt in ausgewählten Ausstellungen die Zusatzverwendung der „leichten Schrift“, die unter anderem für die Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Kinder ausgelegt ist und die generelle Informationsaufnahme erleichtern soll. Des Weiteren erklärte Frau Vogel die Notwendigkeit, die Ausstellungen umzustrukturieren, da bei über 7000 Exponaten nicht alle Informationen wahrgenommen werden können und thematische Vertiefungsräume sinnvoll wären.

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Zu Beginn der Dauerausstellung wurde uns durch einen ersten Eindruck klar, dass es einen bestimmten inhaltlichen- sowie visuellen Aufbau gibt, der die Zeitgeschichte, gekennzeichnet durch große Säulen, chronologisch aufbaut. Ein Hauptweg, der durch die Säulen angezeigt wird, verfügt über Seitengänge, die jeweilige Exponate des Zeitraums ausstellen. Auffällig war für uns, dass die obere Ebene der Ausstellung über sehr große Freiflächen verfügt. Die Struktur des Rundgangs wird auf verschieden Textebenen vermittelt. Um einen generellen thematischen Überblick zu verschaffen, fällt der Blick beim Eintreten auf eine Wand mit einer Kurzzusammenfassung des geschichtlichen Kontexts. Des Weiteren leiten die beschrifteten Säulen die Ausstellungsteile bestimmter Jahreszahlen ein und viele Exponate verfügen über Zusatznotizen mit weiteren Informationen, zum Beispiel einer Kontextualisierung. Bei den Exponaten handelt es sich um die verschiedensten Materialien, unter anderem Textilien, Schriftstücke, Skulpturen und interaktive Stationen. Auffällig war, dass die gesamte Ausstellung eher konservativ und informativ gestaltet ist, jedoch in jedem historischen Abschnitt Highlight-Objekte zu erkennen sind, zum Beispiel eine große Ritterrüstung auf einem Pferd. So spricht die Ausstellung durch Texte und Exponate Besucher aller Altersklassen an. Uns ist ebenfalls aufgefallen, dass gegenüber von jeder Säule Stühle aufgestellt sind, um den Rundgang bei dem großen Umfang an Exponaten mit Möglichkeiten für Pausen zu erleichtern. Besonders ausgeprägt ist die Farbgebung der gesamten oberen Ebene, da die Wandfarben jedes Zeitabschnitts unterschiedlich sind, und der Besucher so auch visuell erkennt, wann ein neuer Abschnitt beginnt.

Diese Gestaltungsweise ändert sich in der unteren Ebene der Ausstellung, die thematisch vor allem den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus sowie die Teilung Deutschlands behandelt. Dort ist die auffällige Farbgebung nicht länger vorhanden und auch der Platz wird wesentlich mehr genutzt, sodass die Anzahl der Exponate in kleinerem Raum teilweise überladen wirkt. Im Anschluss an eine kurze Besichtigung der unteren Ebene haben wir uns zu einem Gespräch mit der Kuratorin Carola Jüllig getroffen.

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Frau Jüllig ist die Sammlungsleiterin der Sammlung Postkarten, Bildarchiv und Foto des Deutschen Historischen Museums.

Zunächst gab uns Frau Jüllig einen Überblick ihrer Vita, um ihren beruflichen Werdegang bis zu ihrer jetzigen Position nachvollziehen zu können. Dabei betonte sie, dass speziell ihr persönlicher Berufsweg Besonderheiten aufweist uns somit nicht als exemplarischer Lebenslauf einer Mitarbeiterin ihrer Position im Deutschen Historischen Museum gelten kann. So berichtete sie, dass sie nach ihrem Magisterabschluss für Kunstgeschichte und Germanistik beim Berlin Museum, dem damaligen stadtgeschichtlichen Museum Westberlins arbeitete, in dessen Räumlichkeiten in der Lindenstraße in Berlin-Kreuzberg sich heute das Jüdische Museum Berlin befindet. Im Zuge der Vereinigung von Berlin Museum und Märkischen Museum, dem bisherigen stadt- und regionalgeschichtlichen Museum Ostberlins nach der Deutschen Wiedervereinigung verschwand ihr bisheriger Einsatzort und der dazugehörige Aufgabenbereich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Frau Jüllig vornehmlich mit dem Fachgebiet historischen Spielzeugs beschäftigt. Da die bestehenden Arbeitsverhältnisse erhalten blieben, wurde ihr das Deutsche Historische Museum als neuer Einsatzort zugeteilt. In diesem Zusammenhang sprach Frau Jüllig von diversen Herausforderungen, den ihr neu zugeteilten Arbeitsbereich zu gestalten. So bestand die Aufgabe des gesamten Deutschen Historischen Museums darin, das Konzept der Darstellung einer gesamtdeutschen Geschichte vor dem Hintergrund einer bisher vor allem aus systempolitisch dargestellter Geschichte des neuen Ausstellungsortes Zeughaus zu verwirklichen. Vorteile der Sammlung des bisher in der DDR als Museum für Deutsche Geschichte genutzten Zeughauses zeigten sich laut Jüllig vor allem in den umfangreichen Sammlungsobjekten zur deutschen Arbeiterbewegung. Zudem stellte sich für Frau Jüllig damals die Aufgabe, sich in dem für sie neuen Fachbereich Wissen und Kenntnisse über den Sammlungsbereich Postkarten bzw. Fotografien anzueignen. Frau Jülligs persönlicher Berufsweg muss zwar vor dem relativ einzigartigen Hintergrund politischer zeitgeschichtlicher Veränderungen betrachtet werden. Dennoch verweist der persönlich skizzierte berufliche Werdegang auch auf persönliche Kompetenzen, die an im Berufsfeld Museum Beschäftigte gestellt wird: Flexibilität bei Veränderung des eigenen Arbeitsplatzes sowie die Bereitschaft, sich in neue, fachfremde Themengebiete selbstständig einzuarbeiten.

Neben ihrer eigenen Vita zeichnete Frau Jüllig aber auch die Möglichkeiten bei Tätigkeitsfeldern von im Volontariat Beschäftigten des Deutschen Historischen Museums. So beschrieb sie die Bereitschaft und Offenheit der Sammlungsleitenden, eigene Interessens- und Spezialgebiete der MasterabsolventInnen in die Bestimmung konkreter Arbeitsbereiche des Volontariats einfließen zu lassen.

Frau Jüllig beschrieb zudem an sie gestellte Aufgaben als Leiterin der Sammlung. Dabei stellte der Umgang mit dem vielfältigen Bestand der Sammlung eine Besonderheit dar. So besteht in ihrer Arbeit einerseits die Notwendigkeit, die bereits umfangreiche Sammlung an Fotografien zu begrenzen, indem bei der Neuanschaffung angebotener Exponate zum Beispiel von Privatpersonen Prioritäten gesetzt werden müssten. Andererseits machte sie auf die Einschätzung möglichen Potenzials der zur Sammlungserweiterung angebotenen Objekte aufmerksam. Beispielsweise thematisierte sie hier die ihr kürzlich angebotene, vollständige Sammlung an Pressefotografien des Ullstein-Verlages. Dabei lag das Potenzial dieses Angebots in einer später erfolgten Publikation, die die Besonderheiten dieser in sich geschlossenen Sammlung hervorhebt. Zudem entstand mit der Neuanschaffung dieser Sammlung eine eigens dafür realisierte Ausstellung, die die Teilnehmenden des Seminars im Anschluss der Gruppenexkursion besuchen konnten. Neben der geschichtlichen Entwicklung von Motiv- und Aufbaugestaltung der Pressefotografien wurde für Ausstellungsbesuchende auch die Entwicklung der Auflagenstärke der durch den Verlag vertriebenen Zeitung anhand verschieden hoher Zeitungstürme sichtbar, auf denen jeweils das Deckblatt der Neujahrsausgabe zur Jahreszahlbestimmung gezeigt wurde. Neben der umfangreichen Fotosammlung des Verlages wurden aber auch die Umsetzungen politisch motivierter Retuschierungen mithilfe von Vorher-Nachher-Vergleichen, die Ausstellungsbesuchende durch Verschieben von Originalfotografie hin zur gedruckten Montage eigenhändig nachvollziehen konnten, gezeigt. Beeindruckend war neben der Ausstellung selbst auch die dokumentierte Anzahl interdisziplinär Mitwirkender, die neben festangestellten MitarbeiterInnen und VolontärInnen des Deutschen Historischen Museums auch die Namen externer wissenschaftlicher sowie handwerklicher MitarbeiterInnen bzw. Firmen nannte.

Abschließend gab Frau Jülllig eine Ausblick zur Ausstellungsgestaltung des Deutschen Historischen Museums vor dem Hintergrund einer zeitnah ausstehenden, zeitgemäßen Anpassung der Dauerausstellung. Dabei thematisierte sie die alltäglich von ihr gesuchte Aushandlung zu präsentierten Objekten der Sammlung Postkarten, Bildarchiv und Foto mit der Abteilung für Museumspädagogik, den Ergebnissen von Befragungen der Ausstellungsbesuchenden in Bezug auf deren diversen Wissenshintergrund sowie der involvierten Mitarbeitenden bei Konzeption und Umsetzung realisierter Ausstellungsobjekte im fachlichen Bereich der Sammlung. Daneben zeichnete Frau Jüllig auch das Bild der Zukunftsvision der neuen Museumsleitung unter dem neuen Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums Raphael Gross.

Frau Jüllig selbst plädierte für neue, experimentelle Formen von Ausstellungskonzeptionen. Dabei sei die unmittelbare Erfahrung der Ausstellungsbesuchenden im Fokus dieses Konzepts. Dieses neue, experimentelle Ausstellungskonzept wäre für sie jedoch jenseits einer multimedialen Vermittlung zu suchen.

Nina Hunold und Filip Wilhelm


 

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